Bis heute hat die Firma Kleusberg ihren Hauptsitz in Wissen. Durch die 8.700-Einwohner-Stadt im nördlichen Westerwald fließt die Sieg in Richtung ihrer Mündung in den Rhein. Folgt man dem über 150 Kilometer langen Fluss von Wissen gen Westen, kommt man irgendwann auch nach Eitorf. Dorthin ist Stephan Reich gerade unterwegs, allerdings flussaufwärts und auf der Landesstraße 333.
Die windet sich in dem Abschnitt, den Reich just befährt, durch zum Teil enge Kurven zwischen Siegauen auf der linken und den felsigen Siegtalhängen auf der rechten Seite hindurch. Ein Schild warnt vor dem verschlungenen Straßenverlauf. Kommen andere Fahrzeuge entgegen, wird es mitunter knifflig: Denn Stephan Reich ist „zu lang, zu hoch, zu breit“, lacht er – wie meist, wenn er im pfauroten „Volvo“ seiner Arbeit nachgeht, den er hinsichtlich der Ausdehnungen meint – und nicht etwa sich selbst.
Drei Stunden früher: Stephan Reich hat sein Tagwerk mitten in der Nacht um drei Uhr auf dem Rastplatz „Soester Börde Nord“ begonnen. Dort, neben der A 44, hat er elf Stunden Pause gemacht, ist gut eine Stunde vor dem Start in den Arbeitstag aufgestanden, hat sich die Zähne geputzt, rasiert, Kaffee gekocht – ganz wie zu Hause. Nur halt in der Fahrerkabine seines „Volvo 540“.
An dem hängt ein Tiefbett-Sattelauflieger des Fahrzeugbauers Doll. Denn Pfau bietet in seiner Logistiksparte auch den Transport von Dingen an, die auf keinen „normalen“ Lkw passen. Reich hat schon Linienbusse, Kranteile für den Bau von Windrädern, eine mobile Brecheranlage, Stahlkonstruktionen, Agrargeräte, elektrische Betonmischer oder gebrauchte Kehrmaschinen damit durchs Land gefahren.
Auch mit Forstmaschinen wie „Harvestern“ ist er oft unterwegs, die Pfau beispielsweise vom Verkäufer oder Vermieter zum Kunden schafft oder zwischen verschiedenen Standorten des deutschen Generalimporteurs der anerkannten „PONSSE“-Forst- maschinen aus Finnland fährt. Die transportiere er besonders gerne, schmunzelt Stephan Reich: „Ich darf die selbst auf den Auflieger fahren – das ist halt Männerspielzeug!“ Gleichwohl sei es eine echte Herausforderung, wenn er beispielsweise Harvester direkt aus dem Wald hole.
Der besondere Auflieger dazu sei „teleskopierbar“, erläutert der Fachmann. Was es damit auf sich hat, wird noch deutlich werden, wenn der Pfau-Mitarbeiter seine aktuelle Fracht gut sechs Stunden später abgeladen haben wird.
Diese Fracht hat wiederum mit Kleusberg aus Wissen zu tun. Die Westerwälder Firma hat sich nach eigener Darstellung auf die Planung, Fertigung und Montage von Modulbauten sowie die Vermietung und den Verkauf von Containersystemen und Halleneinbauten spezialisiert. Und so ein von Kleusberg hergestelltes Raummodul, es ist für die Errichtung einer neuen Kindertagesstätte vorgesehen, hat Stephan Reich an diesem Morgen fest verschraubt im Tiefbett stehen und tags zuvor – vor seiner nächtlichen Pause bei Soest – im Saalekreis bei Halle abgeholt.
Inzwischen hat er die etwa 170 Kilometer aus der Soester Börde bis nach Eitorf geschafft. Es lief super heute, keine Unterbrechungen, kein Stau, freie Autobahnen. Reich musste vor sechs Uhr, ehe die verkehrsreichere Tageszeit und der Berufsverkehr anbrechen, auf einem Parkplatz unweit des Ortseingangs von Eitorf sein, so stand es in der Genehmigung für diesen erlaubnispflichtigen Schwertransport. Dort soll er auf dem eigens für nächtliche Schwertransporte abgesperrten Gelände – drei Kollegen mit ihren Lkw sind bereits vor Ort und haben die Nacht in ihren Fahrerkabinen verbracht – warten, bis ein „Begleiter“ ihn abholt. So ein Begleitfahrzeug sehen die Straßenverkehrsbehörden immer dann vor, wenn ein Schwer- oder Großraumtransport die zulässigen Maße oder Gewichte überschreitet.
„Wir haben drei Meter Breite, wir haben 24 Meter Gesamtlänge, das Modul selbst ist 11,59 Meter lang, die Höhe habe ich jetzt auf 4,12 Meter“, erklärt der Fahrer. Also in allen drei Richtungen größere Ausdehnungen, als ein Lkw ohne Ausnahmegenehmigung aufweisen darf. Warntafeln am Heck des Tiefbettaufliegers markieren das Ende des Moduls, „und dann kommen halt noch 2,80 Meter, das Fahrwerk“, ergänzt der Pfau-Mitarbeiter.
Fast drei Stunden Geduld muss er haben, bis er auf der Eitorfer Baustelle an der Reihe ist und Ralf Beil mit seinem rot-weißen Begleitfahrzeug zum Parkplatz kommt. Die beiden besprechen sich kurz. Reich fragt, welchen Kanal für den Funk Beil nutzen werde. Es sei 5 FM, antwortet der aus Großlohra stammende Fahrer des „Begleiters“.
Per Funk halten die zwei Kontakt auf dem letzten Streckenabschnitt bis auf die Kleusberg-Baustelle. Der vorausfahrende Ralf Beil gibt Stephan Reich auf diese Weise Informationen zum Streckenverlauf oder wenn er vorzieht, um im Kreuzungsbereich den Gegenverkehr anzuhalten, damit Reich sein großes Gefährt gut „um die Ecken bringen“ kann.
Auf den letzten paar hundert Metern seiner Strecke wird es noch einmal deutlich enger, es geht durch ein Wohngebiet, an welches angrenzend die in der kommunalen Planung „West III“ genannte Kita gebaut wird. Überall sind Halteverbotsschilder aufgestellt worden: Würde hier jetzt noch ein Pkw geparkt, gäbe es kein Durchkommen mit dem Modul auf dem Pfau-Tiefbett.
Das jedoch ist wichtig: Auf der Baustelle wartet unter anderem schon Kleusberg-Bauleiterin Lara Neumeister auf den Schwertransport. Acht Module, wie der Pfau-Schwertransport gerade eines heranschafft, könnten pro Tag maximal „gestellt“ werden, schildert sie. 32 davon seien insgesamt nötig für den Neubau des Kindergartens, der in Eitorf entsteht.
Die Bauleiterin sagt, dass so ein Projekt eine enorme Teamleistung sei: „Jeder Handwerker ist wichtig, jeder einzelne.“ Und sie sagt auch, dass die Module, wie Stephan Reich gerade eines abliefert, in der vorgesehenen Reihenfolge und im richtigen zeitlichen Ablauf kommen müssen: „Wir können nicht einfach eines auf die Wiese stellen, wenn eines, das zuvor eingebaut werden muss, nicht da ist!“, betont Neumeister. Das sei im ersten Obergeschoss, für das das von Pfau gefahrene Modul benötigt wird, schon aufgrund statischer Erwägungen unmöglich, da die Module stets auf Trägern des darunter befindlichen positioniert werden müssten.
Mit anderen Worten: Dass Reich – und seine Fracht – termingerecht an der Baustelle sind, ist entscheidend für die zügige Fertigstellung der Kindertagesstätte! Und deren Eröffnung soll schon sehr bald erfolgen: Auf der entsprechenden Internetseite des Rhein-Sieg-Kreises, in dem Eitorf liegt, können Eltern bereits jetzt einen Platz für ihr Kind beantragen. Die Inbetriebnahme der neuen Einrichtung muss demnach bis September erfolgen. Viel Zeit für Verzögerungen beim Bau – mithin bei der Anlieferung von Modulen – ist also nicht.
Diese neue Einrichtung mit knapp 2.000 Quadratmetern Nutzfläche wird Platz für sechs Gruppen bieten, „KiKu Kleine Dichter“ heißen – und eine beträchtliche Lücke schließen. Denn die hat es in Eitorf gegeben, und sie ist erheblich gewesen: Bei seinem Amtsantritt 2020 fehlten 120 Kita-Plätze in der Kommune, berichtet deren Bürgermeister Rainer Viehof im Gespräch mit den „PFAU-NACHRICHTEN“. In den Jahren zuvor sei in der Kommunalpolitik zwar viel über Kita-Plätze geredet worden, aber wenig passiert, bemängelt der Parteilose.
Doch mittlerweile ist in Eitorf mehr geschehen: Eine erste neue Kita mit Platz für vier Gruppen und rund 70 Kinder wurde in der Eitorfer Parkstraße ab Juli 2025 gebaut und ist inzwischen sogar schon in Betrieb. Damit konnten 53 Kinder umziehen, die zuvor in einer Interimslösung in einem Gewerbegebiet untergebracht werden mussten, erläutert Viehof. Zudem sei mit dem ersten Neubau Platz für weitere 20 Kinder geschaffen worden.
Da Eitorf jedoch Zuzugsgebiet sei und selbst mit der Kita in der Parkstraße noch immer keine 100-prozentige Abdeckung erreicht werden konnte, musste ein weiterer Neubau her, und zwar schnell: die Kita „West III“, die, so Viehof, nun die fehlenden Plätze bringen werde. „Wir starten dort zunächst viergruppig“, erklärt der Bürgermeister, „aber es gibt Platz für sechs Gruppen, so dass wir für die Zukunft Potenzial haben für weitere Kinder.“ Auf der Wiese, auf der die Einrichtung gerade gebaut wird, soll außerdem bald schon ein Neubaugebiet entstehen. Dessen junge Bewohner hätten ihren Kindergarten dann quasi nebenan.
Erstmals kann Eitorf mit Fertigstellung der Kita „Kleine Dichter“, für die das von Pfau transportierte Modul gebraucht wird, also das geforderte Betreuungsangebot machen. Die Notwendigkeit, ein öffentliches Bauprojekt nicht über zig Jahre zu ziehen, wie es in Deutschland oft der Fall ist, sondern sehr rasch fertig zu werden, ist ein idealer Anwendungsfall für die Arbeitsweise von Kleusberg. Erst Ende 2025 ging es auf der aktuellen Baustelle los, als mit den Gründungsarbeiten angefangen wurde, unterstreicht Bauleiterin Neumeister. „Und wir peilen an, spätestens im August fertig zu werden – so dass die Kinder im neuen Kita-Jahr sicher hier einziehen können“, bestätigt sie.
Kleusberg ist Generalunternehmer, stellt das Objekt schlüsselfertig hin. „Die Besonderheit, die wir hier haben, ist, dass wir ein DGNB-Zertifikat in Gold anstreben“, sagt Lara Neumeister. Die DGNB, die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, sieht vor, dass für diese Auszeichnung nur Baustoffe mit einer definierten CO2-Bilanz verwendet werden. „Und wir müssen ebenso nachweisen, dass alles rückbaubar ist“, nennt die Bauleiterin ein weiteres Kriterium, „es muss alles angegeben werden – jede einzelne Schraube, jede Gipsplatte muss geprüft werden, dass sie die Voraussetzungen erfüllt.“ Eine weitere Besonderheit der Eitorfer Kita sei der Holzbau: „Wir haben hier links und rechts Module stehen, und das Treppenhaus dazwischen wird als Holztafelbau gefertigt“, so Neumeister. Ein Gründach sowie eine Holzfassade sollen die Optik aufwerten.
Die Bauleiterin hat 2020 bei Kleusberg angefangen. Sie hat Bauingenieurwesen studiert und hebt hervor: „Ich finde das total schön, wenn man sieht, wie in dem Gebäude, das man selber vom ersten Stein an errichtet hat, Kinder ihren Alltag verbringen. Das ist eine echt schöne Sache!“
Unterdessen haben Monteure ihres Unternehmens vier Ketten am Modul befestigt, das Stephan Reich an diesem frühen Morgen termingerecht nach Eitorf gebracht hat. Daran hängend zieht ein Autokran den „Baustein“ nach oben und setzt ihn im Kita-Gebäude direkt an seinen endgültigen Platz in der ersten Etage.
Die Ladefläche, die im Pfau-Tiefbett genutzt werden kann, mit dem Stephan Reich zur künftigen Kita „Kleine Dichter“ gefahren ist, lässt sich stufenlos bis auf 12,50 Meter ausziehen. „Das Gute ist halt: Das geht alles mit Fernbedienung! Ich drücke hier aufs Knöpfchen“, deutet Stephan Reich auf die Funkfernsteuerung des Trailer-Management-Systems in seinem „Volvo“. „Dann gehen die Bolzen raus, der ‚abfahrbahre Schwanenhals‘ ist vom Hauptrahmen gelöst, also der vordere Teil des Aufliegers, und ich kann ihn mit der Zugmaschine herausziehen“, erklärt der Schwertransportfahrer.
Jetzt, nach dem Abladen des Moduls, macht Reich jedoch genau das Gegenteil: Er fährt das Tiefbett wieder zusammen. Dazu löst er, am Auflieger stehend, besagte Bolzen per Funk, steigt in die Fahrerkabine und schiebt den vorderen Teil des Tiefbetts in den hinteren.
Apropos Funk: Die hinteren beiden „Doll-panther“-Achsen des Tiefbett-Aufliegers lassen sich bis zu 55 Grad einschlagen – ebenso gesteuert mit Hilfe des Trailer-Management-Systems. Die Funkfernsteuerung erlaubt es, die Achsen am Ende des Tiefladers so zu lenken, dass er erheblich manövrierfähiger wird und selbst um enge Biegungen bugsiert werden kann. In Eitorf ist Begleiter Ralf Beil nach der Ankunft an der Baustelle am Heck des Sattelzuges gelaufen, hat die Achsen per Funk dirigiert, während Reich vorne den Sattelzug beim Rückwärtssetzen unter den Kranausleger gelenkt hat.
„Du bist halt sehr flexibel mit diesem Auflieger. Alles, was draufpasst, fahren wir“, sagt er dann noch, ehe er einsteigt und heim fährt nach Kirburg, wo er den Lastwagen abstellen und den Feierabend antreten wird. Die vielen verschiedenen Logistikaufgaben reizten ihn, betont Stephan Reich zum Abschied noch einmal: „Mal lang, mal hoch, mal breit. Das macht es spannend!“
Uwe Schmalenbach
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